Tour de Murg – Radwandern mit Kind im Nordschwarzwald

Wir stehen auf dem Bahnsteig im Karlsruher Bahnhof und überlegen uns was eine Niederflurbahn von einer Mittelflurbahn unterscheidet. Für das Gelingen unserer heutigen Reiseplanungen ist dieses technische Detail nicht unerheblich.

Wir warten auf die S-Bahn nach Freudenstadt im Schwarzwald, die uns zum Ausgangspunkt der „Tour de Murg“ bringen soll. Dieser Radwanderweg führt über rund 70 Kilometern durch das Murgtal von Freudenstadt auf fast 800 Höhenmetern hinunter in die Rheinebene bis nach Rastatt. Dabei verläuft der Weg nicht nur parallel zur Murg – einem kleinen Schwarzwaldfluss – sondern auch zur S-Bahnlinie Freudenstadt – Karlsruhe. Es ist daher jederzeit möglich, die Tour an einer der vielen Haltepunkte abzukürzen. Daher soll die „Tour de Murg“ auch mit Kindern, ob auf dem eigenen Fahrrad oder noch im Kindersitz bestens geeignet sein.

Hier und jetzt auf dem Bahnsteig kommen mir allerdings leichte Zweifel, ob das Unterfangen tatsächlich so einfach zu bewerkstelligen ist. Unsere Räder sind schwer bepackt mit Satteltasche und Kindersitz. Zusätzlich haben wir gut gefüllte Rucksäcke auf dem Rücken. Das Gepäck muss zwar nur für eine Übernachtung reichen, aber mit Kind macht das bekanntlich ja keinen großen Unterschied zu einem einwöchigen Urlaub. Gleich müssen wir gleichzeitig mit Gepäck, Rädern und vor allem Kind in die S-Bahn einsteigen. Leider ist der Einstieg nicht ebenerdig, sondern wir müssen die Räder noch mehr (Mittelflurbahn) oder weniger (Niederflurbahn) viele Stufen hochwuchten. Mit Kind im Kindersitz unmöglich. Kind und Fahrräder getrennt ist auch keine wirkliche Alternative. Wir haben die Horrorvision, dass wir mit unseren Rädern in der Bahn davon fahren – ohne Kind. Als die Bahn hält, erledigt sich wie so oft alles von allein. Eine nette Frau sieht uns unsere Hilflosigkeit an und hilft beim Einstieg. Vor der Bahn sind halt alle gleich, zumindest junge Eltern und ältere Menschen, die hier häufig auf dieselben Hindernisse stoßen. Sobald die Räder einigermaßen sicher abgestellt sind, beginnt für uns so langsam ein entspanntes Reisegefühl.

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Unser Plan ist es, die Tour in Baiersbronn auf dem Fahrrad zu beginnen und dann heute bis nach Forbach zu fahren und dort zu übernachten. Morgen wollen wir dann mindestens bis Gernsbach kommen und von da mit der S-Bahn zurück nach Karlsruhe fahren. Beide Etappen sind mit rund 20 km ungefähr gleich lang. Ambitionierte Radwanderer nutzen diese Distanz wahrscheinlich gerade zum Aufwärmen und die gesamte Tour de Murg ließe sich ohne Probleme auch als Tagestour absolvieren. Die sportliche Herausforderung ist uns heute aber nicht so wichtig, wir sehen die Tour als kleines Familienabenteuer und lassen uns bei allem etwas Zeit. In Baiersbronn angekommen besorgen wir uns in der Touristeninformation noch eine Karte für die Tour de Murg. Trotzdem haben wir zunächst Schwierigkeiten den Einstieg zum Murgtalweg zu finden. Von da an ist die Tour aber bestens ausgeschildert und könnte problemlos auch ohne Karte gefahren werden.

Zwischen Baiersbronn und Forbach führt der Weg zunächst auf asphaltierten Wegen immer leicht abschüssig durch das hier noch sehr breite Murgtal. Mit einem schlafendem Kind im Kindersitz lässt es sich also ganz entspannt radeln. Mit der Zeit verengt sich das Tal immer mehr zu einem zwischen Felsen tief eingeschnittenen Trichter. Der Weg führt jetzt teilweise etwas oberhalb des Tales entlang und bietet viele Gründe zum Anhalten und die Aussicht zu genießen.

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Kurz vor unsere Zwischenstation Forbach beginnt der schönste Teil der Tour. Der Weg führt durch die Heuhüttentäler und wir fühlen uns fast ins Allgäu versetzt. Statt Kühen begegnen uns aber nur Ziegen und Schafe mit Glocken. Im Nordschwarzwald ist eben doch alles eine Nummer kleiner als in den Alpen.

Allgäu oder Schwarzwald? - Heuhüttentäler bei Forbach

Allgäu oder Schwarzwald? – Heuhüttentäler bei Forbach

Viel früher als geplant kommen wir am frühen Nachmittag in Forbach an und verbringen den Rest des Tages im Murggarten einer großen Wiese mit Spielplatz und Wasserspielen direkt an der Murg. Empfehlenswert für die Übernachtung soll die Jugendherberge sei, die mitten im Wald liegt. Leider bekommen wir keinen Platz mehr, so dass wir diesen Tipp nur ungetestet weitergeben können. Wir landen letztlich in einem altbackenen und teuren Hotel direkt an der Holzbrücke von Forbach. Zumindest hat die Ausstattung aus den 60er Jahre mit schweren Teppichen und Bildern mit Jagdmotiven noch etwas Schwarzwald-Charme.

Zu jeder Tour gehört auch eine Bergetappe. Das lernen wir am nächsten Morgen. Hinter Forbach entfernt sich der Fahrradweg von der Straße und führt steil ansteigend über eine Bergkuppe nach Langenbrand. An Weiterfahren ist hier mit unserem Gepäck nicht zu denken, also schieben wir unsere Räder keuchend den Weg durch den Wald hoch. Oben angekommen werden wir etwas entschädigt. Es ist Sonntagmorgen, bisher ist uns an diesem Morgen noch niemand begegnet. Jetzt schauen wir hinab ins Murgtal. Auf den Wiesen hängt noch der dampfende Morgendunst, der sich langsam unter der kräftiger werdenden Sonne auflöst. Aus den Dörfern dringt das das Läuten der Kirchenglocken hinauf. Wir sind fasziniert von dem Anblick und uns wird klar, dass man für einzigartige Naturerlebnisse gar nicht weit fahren muss. Es gibt sie natürlich in den Alpen, aber auch im Nordschwarzwald, wahrscheinlich sogar auf der Wiese direkt hinterm Haus.

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Nachdem wir die Bergwertung bestanden haben, ist der weitere Weg auf breiten asphaltierten Fahrradwegen wieder etwas für die Sprinter. Wir lassen es trotzdem gemächlich angehen und kommen um die Mittagszeit in Gernsbach an. Wir entschließen uns, die Tour de Murg hier zu beenden. Die Höhepunkte der Strecke liegen schon hinter uns und der Weg führt von hier an direkt an der Straße entlang. Zufrieden sitzen wir am Bahnsteig und warten auf die S-Bahn. Auch wenn wir nur eine verkürzte Variante gefahren sind, war die Tour de Murg ein tolles Erlebnis mit schönen Eindrücken. Wir können diese Tour für Familien als Radwanderungseinstieg uneingeschränkt empfehlen. Für Kinder ist es jedenfalls ein richtig kleines Abenteuer mit Sack und Pack und Übernachtung mit dem Fahrrad auf „Tour“ zu gehen. Durch die S-Bahn-Anbindung ist die Tour zudem sehr bequem zu erreichen. Sofern jemand so aufmerksam ist, der ganzen Familie beim Einstieg in die Bahn behilflich zu sein.

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