Skifahren und Nachhaltigkeit – Ein paar selbstkritische Gedanken

Wir stehen dicht gedrängt in einer riesigen Halle. Nur Schritt für Schritt geht es zwischen den hohen Betonpfeilern voran. Elektrisch gesteuerte Drehkreuze blinken und piepen. Auf einer riesigen Leinwand über uns laufen Kurzfilme und Werbespots, um die Wartezeit zu überbrücken.

Flughafen? Bahnhofshalle? Nein, ich befinde mich auf 2.100 Metern in der Mittelstation der Gaislachkoglbahn und warte darauf, mit der Kabinenbahn auf den 3.000 Metern hohen Gipfel zu schweben. Hochalpines Gelände also, dort wo die Luft schon langsam etwas dünner und die Bedingungen für uns Zivilisationsgewöhnte eigentlich immer widriger werden. Die automatischen Türen der Kabinenbahn öffnen sich und ich lasse mich in die bequem gepolsterten Sitze fallen. Auf der Fahrt noch oben kommen mir ein paar Gedanken:

Wie werden diese ganzen Anlagen hier oben eigentlich gebaut?

Wie sah es hier wohl vorher aus?

Wieviel Erde musste für den Bau abtragen werden und wohin?

Wer hat das ganze Material eigentlich hier hochgeschafft und womit?

So richtig zufriedenstellende Antworten fallen mir in den wenigen Minuten bis zum Gipfel  nicht ein. Ich nutze diese ausgezeichnete Infrastruktur hier oben ganz selbstverständlich. Klar, schließlich habe ich mit meinem Skipass ja auch ordentlich dafür bezahlt. Aber ich habe überhaupt keine Ahnung auf welche Weise sie entstanden ist, was hier vorher war und welche Auswirkungen auf die Bergwelt sie hat. Bisher habe ich mir diese Fragen noch nicht einmal gestellt.

Oben auf dem schmalen Gipfelplateau peitscht mir der kalten Wind den Schnee ins Gesicht. Die Natur scheint mir klarzumachen: Hier oben auf 3.000 Meter bin ich der Stärkere. Ich flüchte mich in das Panorama-Restaurant, das einen tollen Rundum-Blick über die gesamte Bergwelt bietet. Hier kann ich im Warmen meinen Cappuccino genießen und hinter den großen Fenster die Naturgewalten beobachten. Aber auch hier wollen mir einige Gedanken den schönen Skitag vermiesen:

So eine große Speisekarte. Wie kommt das alles hier rauf? Was für ein Aufwand ist das?

Wo kommt eigentlich die ganze Energie für Heizen, Kochen und Licht her? Wo kommt das Wasser her und wo geht es hin?

Wieviel Müll wird hier eigentlich jeden Tag produziert?

Jemand der technisch etwas versierter ist als ich, hätte wahrscheinlich die richtigen Antworten gleich parat. Ich bleibe mit meinen Fragen aber wieder mehr oder weniger allein.

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Ich schnalle meine Skier an. Nach den ersten Schwüngen auf der perfekt präparierten Piste – die Pistenraupen und Schneekanonen haben über Nacht ganze Arbeit geleistet – verfliegen all diese Gedanken. Ich genieße die Abfahrt in vollen Zügen. Bisher macht mir das Skifahren viel zu viel Spaß, als dass ich auf die Idee käme, mich hier freiwillig zu beschränken. Aber in letzter Zeit bleibt immer öfter ein komisches Gefühl. Ein Gefühl, dass hier irgendetwas nicht mehr ganz zusammen passt.

Die Winter werden wärmer und die schneesichere Zeit immer kürzer. Gleichzeitig haben die großen Skigebiete in den Alpen in den letzten Jahren massiv in den Ausbau ihrer Lifte, Pisten und Beschneiungsanlagen investiert. Es werden immer neue Superlative ausgerufen. Jeder muss noch etwas mehr bieten, um sich im Wettbewerb der Destinationen hervor zu heben.

Ich habe in einer Zeit mit dem Skifahren begonnen als es noch keine beheizten Sessellifte gab und man noch von einem ratternden Schlepplift eine endlose Liftspur hochgezogen wurde. Fast fühlte man sich auf einer alpinen Expedition fernab der Zivilisation, bis dann irgendwann am Ende der Lifttrasse eine kleine Holzhütte auftauchte. Heute wird man bei jedem Liftausstieg mit Hinweisen auf das nächste kulinarische Angebot empfangen.

Ich haben den Eindruck, dass je offensichtlicher der Klimawandel ist, desto weiter werden die Skigebiete ausgebaut, die Skisaison bis in den Mai verlängert, noch mehr Schneekanonen aufgestellt. Der Vergleich mit den Finanzmärkten kurz vor dem Crash drängt sich auf: Keiner will aufhöhren zu tanzen solange die Musik spielt, aber alle wissen, dass die Party jeden Augenblick vorbei ist.

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Aber was heißt das für mich? Ist Skifahren noch zeitgemäß? Muss ich für ein gutes Gewissen mein Hobby aufgeben so wie der Vegetarier den Fleischkonsum? Oder gibt es vielleicht auch Möglichkeiten etwas „nachhaltiger“ Ski zu fahren? Praktisch einen Bio-Ansatz für den Wintersport.

Viel gehört habe ich bisher noch nicht über die Kombination aus Skifahren und Nachhaltigkeit. Leider gibt es auch noch kein offizielles und weithin bekanntes Siegel für umweltfreundliche Skigebiete, das es einem leicht machen würde sein Skigebiet nach umweltfreundlichen Kriterien zu wählen. Es ist also etwas mehr Mühe nötig, um sich diesem Thema zu nähern. Aber beim genaueren Hinschauen gibt es tatsächlich Ansätze, die einen nachhaltigeren Skitourismus zum Ziel haben. Ein Beispiel hierfür ist Alpine Pearls, ein Zusammenschluss aus 25 Skigebieten, die sich vor allem umweltschonende Mobilität auf die Fahnen geschrieben haben. Darunter finden sich durchaus einige klangvolle Namen wie z.B. Arosa in der Schweiz. Die Initiative pro natura – pro ski führt ein Skigebiet-Audit durch und vergibt einen Award für besonders umweltverträgliche Konzepte.

Zwar wird das Thema Nachhaltigkeit im Skitourismus sicher noch nicht groß geschrieben und steht noch im Schatten des allgemeinen „Größer – Schneller – Weiter“ vieler Skigebiete. Aber es ist auch nicht so,  dass sich nichts bewegt. Bleibt zu hoffen, dass die Betreibern der Skigebiet erkennen, dass die Natur das Kapital ihres Geschäftes ist, das es auch über den nächsten Winter hinaus zu bewahren gilt. Uns als Ski-Konsumenten sollte bewusst sein, dass wir mit unserer bewussten Entscheidung wo wir Skifahren und wo nicht Einfluss haben und ein Umdenken bewirken können.

 

 

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